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Über Julian Vögel

Hallo! Mein Name ist Julian Vögel, gehe noch in die Schule und laufe in meiner Freizeit. Während ich laufe, mache ich Fotos. Manchmal schreibe ich auch Kurzgeschichten. Das alles veröffentliche ich auf meinem Blog „blog.voegel.org“.

Ein Junge im Boot

Die Fortsetzung von “Die Suche nach Marawit“ musste etwas auf ihre Veröffentlichung warten. Ich hatte sie zwar schon länger in der Schublade, doch ich musste zwischendurch mein Abitur schreiben 😉 Hoffentlich gefällt euch meine zweite Kurzgeschichte!

In der darauf folgenden Nacht, an einem weit entfernten Ort, lag ein Teich inmitten eines Birkenwaldes. Wenn man von oben hinabsah, konnte man das leichte Wogen des Teiches und zwei Glühwürmchen am Ufer beobachten. Sie kreisten über einem Busch mit saftigen roten Beeren. Plötzlich bewegte er sich, als hätte ihn jemand angestoßen, und die Glühwürmchen huschten zurück. Ein Fuchs kam heraus. Er leckte sein mit Beeren verschmiertes Maul ab und guckte hoch zu den Glühwürmchen, die jetzt weiterflogen. Der Fuchs folgte ihnen, fasziniert von dem Leuchten, und tappte leichtfüßig am Ufer entlang, etwas hinein in den Teich. Das Wasser floss leise über die kleinen Steine, die auf dem Grund des Teiches lagen. Hellgelbe und tiefblaue Steine lagen dicht beieinander, verstreut lugten auch blässlich orangene hervor. Der Fuchs aber beachtete sie nicht. Die Glühwürmchen flogen jetzt in die Mitte des Teiches, doch der Fuchs konnte ihnen nicht folgen. Zu tief war der Teich. Enttäuscht ging der Fuchs aus dem kalten Wasser, sonst froren noch seine Pfoten ein, dachte er. Er setzte sich und schaute auf den Teich.

Wieso war er nur den Glühwürmchen gefolgt? Schließlich war er kein Welpe mehr. Jung vielleicht, aber erwachsen war er trotzdem. Jetzt betrachtete er die Steine. Schön waren sie. Viele Male hatte er mit seinen älteren Geschwistern an Flüssen gespielt – wenn man das spielen nennen konnte. Er war lange zu klein, um mitzuspielen, und wenn er doch einmal durfte, diente er nur als Spielball. Die Erinnerung schmerzte ihn.

Der Fuchs schüttelte seinen Kopf, um ihn freizukriegen, und guckte weiter am Teich entlang. Das Wasser war klar und schimmerte hell im Mondlicht. Etwas anderes aber zog seine Aufmerksamkeit an. Der Fuchs sah wieder zu den Glühwürmchen, aber diesmal kreisten sie über einem großen Gegenstand am Ufer. Ein einziges Boot störte die Regelmäßigkeit der Steine.
Er stand auf und schlenderte zu dem Boot. Die Glühwürmchen beachtete er nicht mehr. Remus stand auf dem hölzernen Boot in geschwungenen weißen Buchstaben geschrieben. Es hatte die Größe eines kleinen Ruderbootes, zum Angeln wäre es gut geeignet. Nur leider konnten Füchse nicht rudern. Und auch nicht angeln.

Seit ein paar Tagen übernachtete der Fuchs am Teich, doch das Boot sah er zum ersten Mal. Wie war es nur dahin gekommen? Es gab hier keine Menschen in der Nähe, zumindest keine Jäger, die ihn erschießen wollten.

Er ging näher an das Boot heran, stützte sich mit seinen Vorderbeinen an der Kante ab und sah hinein. Ein Junge von vielleicht elf, zwölf Jahren schlief darin. Er hatte braunes Haar, ein rundes Gesicht und trug eine dreckige sandfarbene Hose, ein blaues T-Shirt und eine schwarze Jacke. Seine Arme und Beine waren merkwürdig angewinkelt, als wäre er eben erst hingefallen. Sein Kissen war ein Rucksack.

Behutsam trat der Fuchs auch mit den Hinterbeinen auf die Bootskante und bereitete sich auf einen Sprung vor. Kinder hatten doch immer etwas zu essen bei sich, oder nicht? Er sprang, doch die leise Landung misslang. Der Junge wachte auf und starrte den Fuchs mit müden Augen an. Der Fuchs richtete sich fluchend auf, denn sanft war die Landung auch nicht. „Nanu, wer bist denn du?“, fragte er.

Der Junge blickte sich um und guckte wieder zum Fuchs. „Ich weiß nicht“, sagte er. Eine Spur von Gleichgültigkeit lag in seiner Stimme. „Und wer bist du?“
Ein merkwürdiger Junge. „Mein Name ist Calepto. Aber du musst doch auch einen haben, oder nicht?“

Der Junge sah ins Leere und rieb sich die Stirn. Er hatte eine Beule am Haaransatz, er musste sich irgendwo gestoßen haben.

„Das ist ja auch egal“, sagte Calepto, obwohl es nicht stimmte. Wie konnte man nicht wissen, wer man war? „Ich wollte auch nicht stören, aber hast du vielleicht etwas zu essen für mich?“ Der Junge guckte fragend. „In dem Rucksack hinter dir, hast du da vielleicht ein paar Brote mit?“

Er drehte sich um und sah in den Rucksack. Suchend wühlte er darin rum und nahm schließlich eine metallene Dose heraus. Ein Apfel und ein paar Süßigkeiten waren darin. „Tut es der auch?“, fragte der Junge und wies auf den Apfel.

Der Apfel schmeckte gut, auch wenn er nichts Besonderes war. Immerhin besser als der Beerenbusch, in dem Calepto sich an den Ästen stach. Der Junge guckte ihn gedankenversunken an, während er fraß. Calepto bedankte sich, als er fertig war, und überlegte zu gehen. Doch er konnte nicht. Das Kind tat ihm leid. Er drehte sich zu ihm um und fragte ihn: „Weißt du wo du bist? Oder zumindest, wo deine Eltern sind?“

Kopfschütteln. Nein, der Junge war allein und hilflos. Calepto konnte nicht einfach weggehen und den Jungen im Stich lassen. Er wusste, wie es sich anfühlt. „Wie dem auch sei, du brauchst einen Namen. Wie soll ich dich sonst rufen?“

„Keine Ahnung, wie nennt ihr Füchse uns Menschen?“

Calepto lächelte verlegen. „Meistens einfach nur ‚Menschen‘, ab und zu auch ‚Schnelle Teufel‘. Aber du hast einen passenderen Namen verdient“, fügte er hinzu, als der Junge große Augen machte. Calepto kam ein Gedanke und guckte nochmal auf den Schriftzug. „Was hältst du von Remus? So steht es auf dem Boot.“

Der Junge lugte raus und las die weißen Buchstaben. „Vielleicht gehört es einem gewissen Remus. Menschen haben es so an sich, ihre Namen auf Besitztümer zu schreiben, um sie zu markieren.“

„Wenn du in diesem Boot liegst, sollte es doch dir gehören, oder nicht? Dann heißt du auch Remus“, stellte Calepto mit Genugtuung fest. „Dann hätten wir es geklärt. Möchtest du für diese Nacht noch in dem Boot schlafen, oder sollen wir uns im Wald ein gemütliches Plätzchen suchen?“

„Du bleibst bei mir?“, fragte Remus.

„Natürlich! Du glaubst doch nicht, dass ich einen einsamen Jungen wie dich hier alleine lasse? Gut, hier ist es nicht allzu bedrohlich, aber es wächst auch keine Zuckerwatte an Bäumen. Und abgesehen davon“, Calepto guckte dabei auf den Waldrand, „es wäre schön, einen Gesprächspartner zu haben.“

„Einverstanden“, sagte Remus lächelnd.

„Gut, dann sollten wir lieber an Land gehen. Mir wird schon schwindelig von dem ganzen Bootsschaukeln“, musste Calepto zugeben. „Wo ist denn das Ruder?“

Remus suchte nach dem Ruder, aber es war nicht da. „Das macht doch nichts, wir sind sowieso am Ufer.“

Während Calepto sich über das Ruderboot, das kein Ruder hatte, amüsierte, schleppte Remus es an Land und sie suchten eine Stelle im Wald, an der sie übernachten konnten. Schließlich fanden sie ein Plätzchen. Der Boden hatte ein paar Laubblätter, auf denen sich Calepto zum Schlafen zusammenrollte. Remus brauchte die Blätter nicht, ihm reichte der Rucksack als Kissen.

Der Himmel war sternenübersät. Wolken waren nicht zu sehen, als wären sie weggewischt. Dieser Moment schien perfekt zu sein, dachte Calepto. Er hatte keinen Hunger mehr, übernachtete bequem unter einem Baldachin aus Blättern und Sternen und hatte einen neuen Freund.

Remus war aber in Gedanken versunken. Wer bin ich?, fragte er sich erstmals selbst. Wer bin ich?

Die Suche nach Marawit

Das ist meine erste Kurzgeschichte. Ich hoffe, sie gefällt euch!

Es war eine karge, trockene Landschaft. Seit Wochen hatte es nicht geregnet und weit und breit waren keine Pflanzen zu sehen. Es war früh abends. Das Orange des staubigen Bodens spielte mit dem Blau des Himmels. Hin und wieder sah man etwas in der Ferne, doch es war nur eine Luftspiegelung. Sonst war alles still. Selbst der Wind blies nicht. Am Horizont ging die Sonne unter, auf der anderen Seite kam der Mond. Der Name dieser Gegend hieß Königswüste.

„Alles still, Herr Kalesch, wie gestern“, sagte eine Stimme, „keine Veränderung, wie erwartet.”

Es sprach jemand, der kaum größer war als eine Pflaume. Eine kleine Maus kam aus einem Erdloch und sagte: „Herr Kalesch, die Sonne geht unter. Kommen Sie doch bitte raus, es passiert Ihnen schon nichts!“

Die kleine Maus hatte schneeweißes Fell und große Augen. Sie hielt einen winzigen Notizblock und einen dazu passenden Stift. Aus demselben Loch im Boden folgte langsam eine andere Maus. Ihr Aussehen unterschied sich stark: braunes Fell, kleine Augen, groß und dick. Diese Maus war sicher um einiges älter als die weiße.

„Guten Morgen, Anna. Was machst du da?“, fragte Herr Kalesch, die braune Maus.

„Ich notiere, welches Wetter wir haben. Außerdem ist es Abend“, antwortete Anna. „Wir haben seit Monaten ein und dasselbe Wetter. Das macht mir etwas Sorgen.“

„Zeig mal her“, sagte Herr Kalesch und nahm sich den Notizblock. „Das ist wirklich merkwürdig. Wir haben doch schon in vielen anderen Gegenden das Wetter beobachtet. Wieso ist es überall gleich? Sowohl Temperatur, Wolkenlage als auch Luftfeuchtigkeit unterscheiden sich kaum voneinander.“

Die beiden Mäuse gehörten zum Volk der Blümer. Seit Jahrhunderten war es bei ihnen Tradition, große Wälder zu pflegen und zu schützen. Die Bäume und deren Früchte gaben den Blümern Unterkunft und viel Nahrung. Seit ein paar Jahren aber schrumpfte ihr Zuhause. Waldbewohner berichteten, dass sagenumwobene Bäume über Nacht verschwanden. Wenn man an ihre Stellen zurückkam, sah man nur noch kaputten Boden, übersät mit Ästen. Anna, die beste Mäuseschulabsolventin, und Herr Kalesch, ein bekannter Naturphilosoph, sollten daher für ihr Volk einen Ort finden, an dem es einen neuen Wald besiedeln konnte. Den beiden Mäusen wurde eine Richtung vorgegeben, in die sie aufbrechen sollten. Es wurde in Erzählungen von traumhaften Wiesen, Seen und Wäldern berichtet, einem Ort, der Marawit hieß. Trotz allem fanden die Mäuse ihr Ziel nicht. Zwar war es tropisch warm, aber es fehlte jede Spur von traumhaften, fruchtbaren Landschaften. Anna und Herr Kalesch standen nur auf trockenem Boden, der sich bis zum Horizont erstreckte.

„Was machen wir bloß falsch? Wir sind seit Wochen unterwegs und doch finden wir nichts. Sind Sie sich wirklich sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind?“, fragte Anna.

„Niemand weiß, ob die Erzählungen wahr sind.“ Herr Kalesch überlegte kurz, fuhr aber fort: „Ich bin mir aber ziemlich sicher. Früher, viel früher, als ich in deinem Alter war, wurden die Erwachsenen in die Mitte unseres Waldes gerufen. Anlass war ein üblicher Bericht, der von den Ältesten verlesen werden sollte. Als ich aber ankam, war es ungewöhnlich still. Ich habe mich umgesehen, um den Grund herauszufinden, denn niemand hat geplaudert. Dann sah ich Kraya auf dem Podium hin und her schreiten. Du kennst sie doch, nehme ich an?“

„Meinen Sie diese uralte Verrückte, die uns Kleinen immer Kindergeschichten erzählen wollte? Was war mit ihr?“, fragte Anna.

„Nun, schon damals war sie alt, aber noch nicht verrückt. An dem Abend, von dem ich erzähle, wurde sie in unser Volk aufgenommen. Niemand kannte Kraya und viele beäugten sie misstrauisch. Das weiß ich noch, weil sie von weit herkam. Sie soll mit ihrem Mann viele Jahre allein und abgeschottet von uns gelebt haben, musst du wissen. Warte kurz, ich hole mein Büchlein.“

Herr Kalesch huschte flink wieder in das Erdloch, was für ihn unüblich war. Kurze Zeit später kam er enthusiastisch zurück und hielt ein dünnes blaues Buch in seinen Pfoten. Er fuhr fort: „Ich hatte, bevor wir aufbrachen, alle Fakten über die Erzählungen von Marawit gesammelt und in dieses Büchlein geschrieben.“

„Das ist aber nicht besonders viel.“

„Nun ja, immerhin besser als nichts“, sagte Herr Kalesch ein wenig pikiert. Er suchte kurz in dem blauen Buch und fuhr fort: „Also, Kraya schritt auf dem Podium auf und ab und begann zu reden:

‚Meine lieben Freunde, ja, ich kam von weit her, und ja, ihr kennt mich nicht. Doch ich kenne euch. Mein Mann und ich gehörten schon mal zu den Blümern. Da waren die Ältesten von euch noch die Jüngsten. Wir brachen zu einer Expedition auf, erkundeten die höchsten Gebirge, die längsten Flüsse und die größten Savannen. Wir kosteten von den süßesten Nektaren, trafen die unterschiedlichsten Tiere und erlebten die merkwürdigsten Naturphänomene. Es war eine wundervolle Zeit.‘

Eine korpulente Maus aus der Menge entgegnete: ‚Ich kann mich dunkel an euch erinnern. Meine Eltern sprachen davon, dass ihr verschollen wart, vielleicht sogar verunglückt, glaube ich. Wieso seid ihr nicht wiedergekommen? War die Zeit zu schön für euch, um zurückzukehren?‘

‚Nur Geduld!‘, beschwichtigte Kraya. ‚Wie gesagt, es war schön. Eines Tages aber erlebten wir ein Phänomen, das uns ganz und gar nicht natürlich erschien. Der Morgenhimmel war noch dunkel, denn wir waren früh aufgebrochen, und da sahen wir Lichter hinter einem hohen Hügel. Einen Moment lang dachten wir, dort wäre ein Dorf oder sowas Ähnliches. Während wir aber auf die Lichter zugingen, änderten sie sich. Sie wurden ein angenehmes, helles Schimmern. Endlich erreichten wir den Hügelkamm und blickten auf ein weitläufiges Tal, das in wunderschönes Licht getaucht war. Wir schauten gen Himmel und erkannten Gestalten, von denen das Licht ausging: Hoch oben waren viele, große Schmetterlinge, die langsam mit ihren leuchtenden perlmuttfarbenen Flügeln auf und ab schlugen. Sie wirkten unvorstellbar zart, leicht und beruhigend. Da wurde mir wurde langsam klar, dass sie nicht nur Licht ausstrahlten, sie bestanden auch daraus.‘

Alle Versammelten schwiegen und blickten drein, als erlebten sie selbst dieses Schauspiel. Selbst die Maus, die vorhin das Wort erhoben hatte, machte keinen Mucks.

‚Als die Sonne aufging, verschmolzen sie aber mit dem Tageslicht. Wir konnten die Schmetterlinge zwar nicht mehr sehen, doch spürten wir sie trotzdem. Etwas links der Mitte in einer kleinen Hügelsenke lag ein See, dessen Oberfläche wie ein großer, glatter Spiegel die aufgehende Sonne reflektierte. Am Rand eines Waldes waren Rehe und auf den Bäumen zwitscherten kleine bunte Vögel. Wir stiegen von unserem Hügel hinab, gesäumt von feinem, saftigem Gras, Wildblumen und Kräutern aller Art. Wir gingen an Sträuchern und Bäumen in Herbstfarben entlang, obwohl es noch Sommer war, und ihr Blätterrauschen im Wind war unnatürlich leise. Ich schlug eine kurze Rast vor und wir setzten uns an den See. Wir löschten unseren Durst und aßen leckere Graskörner und einen Apfel, der von einem Baum hinabgefallen war. Als wir satt waren, wanderten wir weiter in diesem wundervollen Land.

Wie ihr wisst, waren mein Mann und ich zu dieser Zeit Forscher und auf Expedition. Normalerweise wären wir zurückgekommen, doch wir entschieden uns, für die Wissenschaft zu bleiben. Es gab viel zu entdecken und wir hatten Spaß.‘

‚Also ist da doch etwas dran!‘, sagte ein junger schwarzer Mäuserich. ‚Ihr habt uns allein gelassen, sei es auch für die Wissenschaft. Ihr hättet das nicht tun dürfen, wir sind ein Volk! Wie willst du dich da bitte herausreden?’

Einige Mäuse pflichteten ihm bei, andere schwiegen. Niemand aber machte einen Laut, um Kraya beizustehen. Schließlich wurde es ihr zu viel und sie schrie: ‚Ruhe! Beruhigt euch, bitte! Ja, es gibt kaum eine Entschuldigung, die unser Verhalten rechtfertigen kann. Meine kommt dem aber nahe. Hört! Die Landschaften bestanden nicht nur aus dem See, dem Wald oder den Wiesen. Es gab auch hohe Regenwälder und tiefe Schluchten. Dort waren sogar Eiswüsten! Die Pflanzen, die in unserem Land sterben, lebten dort weiter. Die Bäume in den Herbstfarben änderten deshalb ihre Farben: Manche wurden rosa, ein paar wurden blau. Wir fragten die Zebras, Löwen und Pinguine, wie es sein könne, dass so viele unterschiedliche Lebewesen friedlich beisammen leben konnten. Sie waren verdutzt, es gäbe doch nichts anderes.

Mein Gatte war schon sein ganzes Leben lang fasziniert von neuen Entdeckungen gewesen, doch er veränderte sich. Er sah das dortige Leben auch als selbstverständlich an. Das machte mir Sorgen. Ich bat ihn, mit mir fortzugehen, zurück zu unserem alten Volk. Er wollte nicht. Er schrie mich an, dass wir nicht weggehen dürften. Es wäre unsere moralische Verpflichtung, dort zu bleiben und, wie er es nannte, zu forschen. Nein, das war wohl eher faulenzen. Ich pflückte als Erinnerung eine Blume vom Boden und ging ohne ein weiteres Wort fort, einfach fort. Aus diesem Grund möchte ich auch nicht seinen Namen nennen. Er hätte es nicht verdient. Ich erinnerte mich nicht mehr, wo genau die Blümer lebten. Daher brauchte ich lange, um zurückzufinden. Ich ging die ganze Zeit nach Osten, in die Himmelsrichtung, aus der wir gekommen waren. Jetzt bin ich hier, rede vor euch und bitte um Verzeihung. Ich hätte euch nie verlassen dürfen, ihr seid meine Familie!‘

Kraya war schon den Tränen nahe. Alle schwiegen, alle, bis auf Ohoraie, die älteste Blümerin. Behutsam trat sie auf Kraya zu, tätschelte ihren Rücken und fragte: ‚Bist du auch ehrlich? Gibt es diesen Ort wirklich?‘

Kraya nickte. Sie griff in ihre Handtasche und zog einen gelben Krokus hervor. Es war die Blume, die Kraya gepflückt hatte, als sie fortging. Sie blühte immer noch. Das Publikum machte große Augen, auch weil eine Blume neben einer Maus merkwürdig groß wirkte.

Ohoraie wandte sich an die Versammelten und sprach: ‚Auch wenn Kraya weg war, hat uns ihre Abwesenheit viel gebracht. In unseren Erzählungen ist von ebendiesem Ort, den Kraya uns eben beschrieb, die Rede. Einiges fehlt, ja, doch es waren auch Einzelheiten dabei, die in den Erzählungen gar nicht vorkamen. Die Blume, die sie mitgebracht hat, ist der Beweis: Kraya war in Marawit, und das kann seit Jahrhunderten niemand mehr von sich behaupten. Ein Detail aber ist besonders interessant. Kraya ging nach Osten, als sie Marawit verließ. Wir wissen jetzt also, wo Marawit liegt: im Westen. Liebe Mäuse, Kraya hat den Antrag gestellt, in unser Volk wiederaufgenommen zu werden. Ich bitte um euer Pfotenzeichen, wenn ihr dem zustimmt.‘

Ohoraie hob ihre Pfote zuerst. Die Ältesten zögerten nicht und schlossen sich ihr an. Langsam, einer nach dem anderen, meldeten sich auch die jüngeren Mäuse. Am Ende stimmte eine überwältigende Mehrheit für die Wiederaufnahme Krayas in das Blümervolk.“

Herr Kalesch klappte sein blaues Buch zu.

„Und das war’s?“, fragte Anna.

„Ja, das war’s“, sagte Herr Kalesch. „Hast du alles verstanden?“

„Einen Moment, haben Sie sich das alles damals gemerkt?“

Herr Kalesch gluckste und sagte: „Oh, nein. Zwar hatte ich mir damals ein paar Notizen gemacht, doch die haben nicht gereicht. Jede Versammlung wird protokolliert, auch die mit Kraya. Ich ging also in das Archiv und fand das Protokoll ordentlich abgeheftet. Den schönen Text habe ich aber eigenhändig verfasst.“

Herr Kalesch lächelte stolz. Zu stolz, fand Anna, denn sie sagte: „Sie haben mich gefragt, ob ich alles verstanden hätte. In unseren Erzählungen hat Marawit keine Gebirge oder Eisgegenden, oder doch?“

„Nein“, sagte Herr Kalesch ein wenig überrumpelt von dem raschen Themenwechsel. „Nein, da hast du recht. Ich schätze, auch wenn es gewagt ist, dass unsere Erzählungen unvollständig sind. Ohoraie hat schließlich selbst gesagt, dass seit Jahrhunderten niemand mehr dort gewesen sei, bis auf Kraya und ihren Mann selbstverständlich. Es ist also möglich, dass es in Marawit mehr als nur Wiesen, Seen und Wälder gibt. Das wäre auch sonst zu langweilig, nicht?“

Anna wusste nicht recht, was sie erwidern sollte. Ein ganzes Reich unterschiedlichster Landschaften und Tiere, das konnte sie sich nur schwerlich vorstellen. Endlich bekam sie wieder ihre Stimme: „Gehen wir also wegen Kraya in den Westen?“

„Ja, das tun wir. Das einzige, was wir noch nicht wissen, ist, wie weit wir noch gehen müssen. Irgendwann werden wir aber ankommen. Wie gesagt, ich bin mir ziemlich sicher“, sagte Herr Kalesch. „Noch etwas?“

Anna sagte eine Zeit lang nichts und dachte nach. Dann blickte sie auf und fragte langsam: „Sagte nicht Kraya, dass die Pflanzen dort nicht sterben? Wie ist das möglich?“

„Das ist eine gute Frage!“, lobte Herr Kalesch. „Seit jener Rede stelle ich sie mir fast jeden Tag, doch ich weiß es nicht. Es gibt Behauptungen, es läge am fruchtbaren Boden, an den guten Bedingungen in Marawit. Ich halte die Begründung für unzureichend. Es muss mehr dahinterstecken. Unsterbliche Pflanzen sind unnatürlich, das kann man nicht mit simpler Biologie erklären.“

„Können Sie das erklären?“, fragte Anna.

Herr Kalesch stöhnte und sagte amüsiert: „Du stellst aber schwierige Fragen! Nein, das kann ich nicht. Das werden wir wahrscheinlich auch niemals komplett verstehen können.“ Er schaute betrübt.

Plötzlich fiel Anna etwas ein: „Die Blume, was ist mit ihr? Blüht sie immer noch?“

„Oh, nein. Nach ein paar Monaten wurde sie welk, was aber für eine Blume dennoch erstaunlich ist“, sagte Herr Kalesch. „Dennoch habe ich sie mitgenommen.“

Anna schaute erstaunt. „Wie bitte? Sie haben sie mit?“

„Aber ja, du glaubst doch nicht, dass wir eine solche Kostbarkeit wegwerfen?“, sagte Herr Kalesch und musste schmunzeln.

„Nein, aber wieso haben Sie die Blume mit?“, fragte Anna.

Das Gesicht von Herrn Kalesch hellte sich auf. „Ah, ich habe eine Theorie, was die Blume betrifft. Kraya sagte, Marawit hätte unsterbliche Pflanzen. Wieso blüht dann der Krokus nicht mehr? Ich nehme an, dass nur in Marawit die Pflanzen unsterblich sind. Laut meiner Theorie sollte der Krokus wieder aufblühen, wenn wir Marawit erreicht haben. Er ist wie ein Kompass sozusagen.“

Inzwischen brach die Dämmerung herein und der Himmel bekam einen leicht rötlichen Ton. Anna und Herr Kalesch, so hatten sie es abgemacht, reisten nur bei Nacht, denn sie bot Schutz vor Fressfeinden und vor Hitze. Die Mäuse gingen in ihr Erdloch und verstauten den Notizblock mit dem dazu passenden Stift und das blaue Buch in einem voll gepackten Tuchbeutel. Herr Kalesch schulterte einen Stock, an dem der Beutel befestigt war, und tauchte wieder oben auf, gefolgt von Anna. Am Ende prüften sie, ob sie nicht doch etwas vergessen hatten, und buddelten ihr Erdloch zu, wie es ihre Gewohnheit war.

„Eins verstehe ich aber immer noch nicht“, sagte Anna, während sie aufbrachen. „Warum kamen Sie in all den Wochen unserer Reise nicht auf die Idee, mir von Krayas Rede und dem Krokus zu erzählen?“

„Na, weil du mich nicht gefragt hattest“, antwortete Herr Kalesch mit einem unterdrückten Lächeln, als wäre es eine Selbstverständlichkeit.

Anna musste lachen und verdrehte die Augen. „Sie sind wahrlich ein Philosoph!“

Herr Kalesch schaute seine Begleiterin von der Seite belustigt an. „Das verstehe ich aber als Kompliment“, sagte er und kicherte ein wenig.

Mit den Pfoten um ihre Schultern gelegt, spazierten die beiden Mäuse zuversichtlich in den purpurroten Sonnenuntergang hinein, auf der Suche nach Marawit.

„Die Suche nach Marawit“ ist meine erste Kurzgeschichte, die ich im ersten Lockdown schrieb. Ich hoffe, sie gefällt euch! Es würde mich freuen, wenn ihr mir in den Kommentaren etwas Feedback geben könnt. Auch wenn es paar Holprigkeiten gibt, glaube ich, dass der erste Versuch ganz gut wurde. Die zweite Kurzgeschichte ist gerade in Arbeit, die ersten tausend Wörter sind aber schon fertig.

Der Frühling zeigt sich in seiner Pracht

Die letzten zwei Monate hat die Natur ihre besten Seiten gezeigt, denn der Frühling ist da! Während ich lief, konnte ich paar Fotos machen: Von den weiß blühenden Bäumen, die im warmen Wind einen süßen Pfefferminzgeruch verströmen, vom Teppich des Waldes aus saftigem Gras und bunten Blumen. Was ich nicht aufnehmen konnte, war der Duft der Brombeersträucher. Sie haben nämlich keinen anderen, sondern denselben Duft wie zur Sommerzeit. Als könnte man die Brombeeren schmecken, so intensiv ist der Geruch. Und wenn man am Abend laufen sollte, kann man sich auf ein schönes Sonnenbad freuen. Die 12 Bilder vom Frühling sind eine kleine, aber hoffentlich ansprechende Auswahl meiner Bilder.